Interview mit Eduard Ciuhandu – DAAD-Stipendiat (Abi 2019/20)

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Das heutige Interview wird mit dem Alumnus der Deutschen Spezialabteilung des Nikolaus-Lenau-Lyzeums, Eduard Ciuhandu, geführt, der über seine Erlebnisse während seiner Schulzeit und seine Meinung über die DSA sprechen wird. Als Schüler der 2016-2020 Generation war er ein fleißiger Junge, das wird auch dadurch bewiesen, da er einer der glücklichen DAAD-Stipendiaten ist. Zurzeit studiert er Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin, sodass ich froh war, dass er sich Zeit nahm, mir einige Fragen über unsere Schule zu beantworten.

Hallo Eduard, du hast vor einem Jahr am Nikolaus-Lenau-Lyzeum Abitur gemacht und studierst jetzt in Berlin. Wie geht es dir?

Mir geht es ziemlich gut, ich bin gerade mitten im Semester und versuche so gut wie möglich, ein Gleichgewicht zwischen Lernen und sozialem Leben zu halten. Da der Lockdown in Deutschland jetzt teilweise aufgehoben wird, ist das manchmal auch bisschen schwierig. Nach so vielen Monaten habe ich ein riesengroßes Verlangen danach, wieder in der Stadt einen Kaffee zu trinken und ein paar Kommiliton*innen endlich in Person kennenzulernen. Ich will aber mein Studium auch nicht vernachlässigen, sodass meine Schlafzeit meistens verkürzt wird.

Danke, dass du dich für das erste Interview unserer Alumni zur Verfügung gestellt hast. Wir wollen die Gelegenheit nutzen, etwas darüber zu erfahren, wie es ehemaligen Lenau-Absolventen geht, wo sie leben und wie sie ihre Schule im Rückblick betrachten. 

Was hat für dich die Lenau-Schule bedeutet? Wie hat sie auf dich gewirkt?

Da ich jetzt nachdenken muss, kommen zuerst die Erinnerungen hoch, als ich mit meinen Klassenkamerad*innen zusammen war. Als wir auf Klassenfahrt nach Hermannstadt oder Klausenburg waren oder als wir in der 9. Klasse die ganze Klasse zusammen in einer solidarischen Stimmung unsere Erdkundestunde geschwänzt haben. Aber die Schule bedeutete auch etwas ganz Ernstes: Die Rumänischstunden über Blaga, Arghezi und Bacovia, die Projekte und Übungen in Deutsch über Brecht, Kafka oder Aufklärung und natürlich die spannenden Diskussionen im Geschichtsunterricht. Die Schule hat in mir ein Wissensdurst erzeugt, der immer noch meinen Charakter prägt. Sie war auch ein Ort, wo ich mich als Person entwickelt habe, und zwar sehr viel. Von dem Rebellen aus der 9. Klasse zu dem 1,0 Abiturient aus der 12ten war ein ziemlich großes Sprung.

Wenn du jetzt entscheiden konntest, würdest du auch die Lenau-Schule wählen oder eine rumänische Schule? Und warum?

Auf jeden Fall das Lenau-Lyzeum. Obwohl ich das höchstwahrscheinlich jetzt nicht komplett objektiv beurteilen kann, da die Lenau-Schule mit sehr vielen persönlichen Erinnerungen in meinem Leben verknüpft ist, gibt es sehr viele sachliche Gründe diese Schule zu wählen: Die deutsche Sprache öffnet sehr viele Türen im Banat und in Europa. Die Lenau-Schule hat eine ganz lange Tradition von qualitativer Bildung. Das bilinguale Lernen selbst und das Kennenlernen einer anderen Kultur hilft zur Entwicklung von Multikulturalismus und Toleranz, Werte, die im heutigen Kontext essenziell sind. Was die Lenau-Schule von anderen Schulen unterscheidet, ist der Fokus auf die Entwicklung von kritischem Denken, selbstständigem Lernen und demokratischen Werten. 

 

Bereust du, dass du die Spezialabteilung gewählt hast?

Wenn du jetzt noch einmal in der 8. Klasse wärst, würdest du eine andere Wahl treffen?
 

Auf gar keinen Fall! Als ich mich in der 8. Klasse entschieden habe, wusste ich gar nicht, was die DSA eigentlich ist und was ich dort lernen werde. Ich wusste nur, dass ich dadurch das deutsche Abitur schreiben werde, was ich als einen ganz wichtigen Vorteil wahrgenommen habe. Danach habe ich festgestellt, dass es noch wahnsinnig viele andere Vorteile gibt. Man ist gezwungen, mit Lehrer*innen immer auf Deutsch zu sprechen, was die Sprachkenntnisse deutlich verbessert. Man arbeitet viel in Gruppen, macht Praktika, Projekte, Präsentationen und Mappen. Glaub mir, ich habe die Deutschmappen auch gehasst, aber jetzt bin ich sehr dankbar dafür. Sie sind eine ganz gute Vorbereitung für Hausarbeiten an der Uni.

Meinst du, dass dich die DSA irgendwie verändert hat oder dich hat reifen lassen?

Ich glaube, dass die Schule allgemein meine Persönlichkeit gebildet hat. Am wichtigsten war genau dieses deutsch-rumänische Hybridsystem, da die beiden Systeme eigentlich ganz anders aufgebaut sind und durch das Erleben beider eine breitere Perspektive möglich wird. Das rumänische System hat als Fokus ein ganz umfangreiches Allgemeinwissen und die DSA das kritische Denken. Durch die Mischung der zwei konnte ich beides lernen. Manchmal haben Leute in Rumänien die Meinung, das rumänische Schulsystem sei einfach ineffizient und schlecht. Ich muss ganz überzeugt widersprechen: Beide Bildungsphilosophien funktionieren, und zwar ganz gut. Die Mischung aus beide finde ich aber das Beste. Dazu kommen noch die internationalen Projekte der Lenau-Schule und DSA, wie die Schulbrücke oder European Classes, durch welche ich auch vieles gelernt habe und Freundschaften mit Menschen aus ganz Europa geknüpft habe.

Hat die DSA deine Entscheidungen für die Zukunft irgendwie beeinflusst? Wie?

Eigentlich spielte die DSA eine eher passive Rolle in meiner Zukunftsentscheidung. Meine außerschulischen Tätigkeiten wie mein Freiwilligendienst bei Europe Direct oder mein Praktikum im rumänischen Parlament waren in diesem Bereich ausschlaggebend. Die Schulbrücke war auch ganz wichtig, da die Themen dort auch Richtung Politik gingen. Die DSA hat mich eigentlich nur in der Entscheidung des Landes beeinflusst. Ich wollte sowieso im Ausland studieren, aber dachte eigentlich eher ein englischsprachiges Land zu wählen. Trotzdem habe ich durch den deutschen Unterricht Schritt für Schritt eine Neigung für ein Studium in Deutschland entwickelt. 

Welche Uni hast du gewählt und wie hat dir die Abteilung dabei geholfen?

Ich habe mich für einen Studium in Bereich Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin entschieden. Natürlich konnte ich mich mit einem deutschen Abitur ganz einfach bewerben und verfüge durch das Lernen in Deutsch über gute Sprachkenntnisse, um jetzt auch auf Deutsch zu studieren, was ohne die Spezialabteilung nicht so wäre. DSA, DAAD und meine außenschulischen Tätigkeiten haben mir das Studium an der OSI ermöglicht. 

Was ist eigentlich der DAAD und wie hat er dir geholfen? Welche Meinung hast du über den DAAD?

Der DAAD – Deutscher Akademischer Austauschdienst – ist eine Gemeinschaftseinrichtung, die sich mit dem Fördern von internationalem Austausch beschäftigt. Es gibt ganz viele Programme des DAAD, für mich war das Stipendienprogramm deutscher Auslandschulen wichtig. Dadurch habe ich ein Vollstipendium für mein Studium in Deutschland erhalten. Das bedeutet finanzielle Hilfe, aber auch das Vernetzen mit anderen Stipendiat*innen. Was DAAD eigentlich für mich bedeutet, ist schwer zu sagen. Ich mag Sachen nicht romantisieren, aber es war wie ein Segen. Ich fühle mich jetzt als ein anerkannter Studierender mit Potenzial. Es ist eine wahnsinnig große Ehre, aber auch eine große Verantwortung. „Wem viel gegeben wird, von dem wird man viel erwarten.“ Das ist eines meiner Lebensprinzipien, so dass der DAAD auch bedeutet, dass ich jetzt eine gute Leistung an der Uni bringen muss. Außerdem habe ich die meisten meiner Freund*innen in Berlin durch den DAAD kennengelernt. Und vielleicht auch ein eher witziger Aspekt: Durch die Kochkurse des DAAD habe ich erfahren, dass ich gar kein so großes Desaster in der Küche bin. 

Was denkst du heute über die Spezialabteilung? Empfiehlst du die DSA?

Hat es dir bei der Uni geholfen, dass du schon an deutsche Lehrer gewöhnt warst?

Die DSA empfehle ich natürlich weiter, meines Erachtens ist sie eine sehr wichtige Gelegenheit für Schüler aus Temeswar. Ich weiß, dass manchmal das Lernen an der Spezialabteilung sehr anstrengend sein kann, ich habe das doch auch selbst erlebt, aber es lohnt sich. Auch wenn man nicht in Deutschland studieren will, gibt es genügend Vorteile, um hier zu lernen.

Welche Ratschläge hast du für diejenigen, die noch ins Lyzeum gehen?

Versucht was Neues und habt keine Angst zu experimentieren! Die Schule kann manchmal schwer und vielleicht langweilig sein, aber jetzt ist die Zeit für persönliche Entwicklung. Es geht nicht nur um gute Noten, sondern auch um neues Wissen und Fähigkeiten. Es geht auch nicht nur um die Schule, sondern auch um außerschulische Tätigkeiten. Freiwilligendienst kann niemals schaden und die Praktika sind ganz wichtig für eine richtige Zukunftsentscheidung nach dem Abi. Für die DSA-Leute: Die Berlinfahrt auf gar keinem Fall verpassen. So was tolles wie Berlin habt ihr noch nie erlebt. Und ganz klar muss man auch manchmal Spaß haben. Geht auf Partys and have fun! Aber am wichtigsten: Genießt die Zeit!

Vielen Dank für das Gespräch! 

Agata Hancheș, Schülerin der 9MI, 23. November 2020